Sie stehen hier vor einigen großformatigen Bildern, die in ihrer Farbigkeit extrem reduziert sind, es wird nur Schwarz auf  weißem Bildträger verwendet – und dennoch wird ein sehr lebendiger Eindruck erweckt. So findet man in der Arbeit  Risse bewegte Strukturen, wo lineare Elemente dominieren und die klaren Kontraste von Schwarz und Weiß. Ein organisches, unregelmäßiges Netz überzieht die Bildfläche. Bei Trockenrisse  sieht man ebenfalls Strukturen, hier mehr verdichtet, die dunklen Flächen dominieren. Allerdings sind die Flächen noch mehr in sich strukturiert, marmoriert oder gemustert. Man findet verschiedene Grauwerte, die durch die Transparenz der aufgetragenen Schicht von Schwarz entstehen. Diese abstrakten Arbeiten beziehen ihre ikonischen Impulse aus Abbildungen der Zeitschrift  „Geo“, die Fotos von  ausgetrockneter Erde, durch die sich Risse ziehen, reproduziert.

Ilse Lichtenberger transformiert aber den visuellen Impuls, indem sie in Trockenrisse die Schwarz-Weiß-Wirkung umkehrt und quasi wie ein Negativbild die an sich dunklen Risse weiß lässt und die in Relation helleren Erdschollen in Schwarz und Grauwerten malt. Durch die Farbumkehrung und die Reduktion auf Schwarz-Weiß-Kontraste ereignen sich einige Schritte der Abstraktion. „Abstrahieren“ kommt von „abziehen, wegziehen“, „auf etwas verzichten, vom Dinglichen absehen, auch etwas verallgemeinern“. Das bedeutet in diesen Arbeiten, der Blick wird vom realistischen Abbild auf den Verlauf der  Risse gelenkt, die Risse sind keine Sprünge im Boden mehr, sondern lineare, sinnlich erfassbare Gebilde, die ein ästhetisches Erlebnis vermitteln.

Unter „ästhetisch“ kann man zunächst „sinnlich wahrnehmbar“ verstehen, und dann in weiterer Folge auch Ästhetik als Attribut, das eine Aussage über den Anspruch einer Arbeit trifft, Kunst zu sein.

Ein Kunstwerk übt über das Auge einen ästhetischen Reiz aus. Das ästhetische Erlebnis ist immer verbunden damit, dass es den oder die Betrachterin fordert. Das ästhetische Erlebnis verbindet sinnlichen und intellektuellen Reiz.

 Bei diesen Arbeiten fallen mir die Überlegungen von Claude  Lévi-Strauss  aus seinem „Wilden Denken“ ein, wo  er davon ausgeht, dass der Reiz eines Kunstwerkes darin liegt, dass es ein „verkleinertes Modell“[i] ist. Der Begriff des „verkleinerten Modells“ bezieht sich nicht (nur) auf die Größe, sondern dass der Künstler, die Künstlerin etwas reduziert, weglässt, bzw. auch wie in unserm Fall, abstrahiert. Hier wäre es die Reduktion der Farbigkeit, auch die dritte Dimension wird weggelassen und auf eine Fläche reduziert. Das Vorgehen verläuft umgekehrt proportional zum Verfahren der Wissenschaft.

Der Reiz liegt nun in der Aktivierung der BetrachterInnen, sie werden zu Handelnden.

 „Die innere Kraft eines verkleinerten Modells besteht darin, daß sie den Verzicht auf die sinnliche Dimension durch den Gewinn intellektueller Dimension ausgleicht.“

 Und „Der ästhetische Eindruck entsteht durch die Vereinigung im Inneren eines Werkes, das vom Menschen geschaffen ist und somit virtuell auch beim Beschauer, der durch das Kunstwerk hindurch, zwischen Strukturordnung und Ereignisordung, dessen Möglichkeiten entdeckt.“[ii]

 Besonders interessant ist nun an den Arbeiten von Ilse Lichtenberger, dass sie mit der Spannung von Grafik und Malerei spielt. Im Grunde zieht sich der grafische Blick durch  alle Arbeiten Ilse Lichtenbergers. Aber hier in der Ausstellung werden unterschiedliche Techniken angewendet, selbst  in diesem ersten Raum mit den Schwarz-Weißen Arbeiten.

So arbeitet sie mit Oilsticks, die zwar noch als  grafisches Werkzeug anzusehen sind, aber mit diesen Sticks ist keine scharf abgegrenzte Linie möglich und sie fordern ein, großformatig zu arbeiten.  Dazu erzeugen sie durch den Farbauftrag, der immer wieder auch dickere Schichten absondert, eine lebendige haptische Oberflächenwirkung. 

Dann bedient sich Ilse Lichtenberger auch der Malerei, wo sie mit Acrylfarben grafische Strukturen erzeugt. Die Stärke der Malerei ist die Möglichkeit, in sich strukturierte Flächen zu gestalten, was wir bei dem S/W – Bild bereits gesehen haben. Dasselbe gilt auch für die Arbeit in Rot – Paria - wo sie mit verschiedenen Rottönen eine in sich abgestufte Farbigkeit erzielt.

 Die Monotypie ist ein an sich einfaches Druckverfahren, wo ein Bildträger (üblicherweise ein Blatt Papier) auf eine Platte gelegt wird, auf die Farbe aufgewalzt wurde.  Nun wird mit einem Stift die Zeichnung aufgebracht. Durch den Druck des Stiftes nimmt der Bildträger auf der Rückseite Farbe auf. Zudem kann man auch Farbflächen durch stärkeres und leichteres Reiben erzeugen bzw. wird die Intensität auch durch die Dichte des Farbauftrages auf der Platte gesteuert. Wie der Name bereits sagt, kann im Gegensatz zu anderen Druckverfahren bei der Monotypie nur ein einziges Bild hergestellt werden. Die Besonderheit bei Ilse Lichtenberger ist erstens das relativ große Format, dass der Bildträger nicht Papier, sondern Leinwand ist und dass sie mit ihrem Anspruch der Farbigkeit den Herstellungsprozess ziemlich kompliziert, muss doch jede einzelne Farbe in einem eigenen Vorgang auf den Bildträger aufgebracht werden.

Hier erfolgt übrigens bereits die „Reduktion“ (siehe „verkleinertes Modell“) beim Herstellungsprozess, da Ilse Lichtenberger das Bild nach Farben „aufsplitten“ muss.

 Um Holzschnitte handelt es sich bei den gegenständlichen Arbeiten Menschenschnitte, wo zunächst das Motiv in einen Druckstock aus Holz eingeschnitten wird – die tiefer liegenden Flächen und Linien bleiben weiß, die erhabenen geben die Farbe auf den Bildträger ab. Auch hier ist wieder der Bildträger aus Leinwand und nicht aus Büttenpapier.

 Die verschiedenen Verfahren, auch die Farben, vermitteln jeweils eine eigene sinnliche Qualität. Die Materialität eines Bildes zählt zur künstlerischen Entscheidung und ist maßgebend für die Wirkung. Auch  die Technik ist konstituierend für den visuellen Eindruck. Als Beispiel sei nur zu nennen, dass im Gegensatz zu einer Bleistiftzeichnung der Widerstand des Materials den Strich prägt, aber auch die Konsistenz des Zeichengerätes oder der Farbe auf dem Pinsel den Duktus bestimmt.

 Ilse Lichtenberger stellt diese Ausstellung unter die Aspekte von Kommunikation, menschlichen Netzwerken, auch Strukturen in mehrfacher Hinsicht, seien es formale Strukturen oder soziale.

 Der Aspekt der Kommunikation kann auch bei den figuralen Arbeiten Menschenschnitte unschwer nachvollzogen werden. Menschen von hinten, in Gesprächshaltung. Es sind Menschen, mit denen Ilse Lichtenberger persönlich in Beziehung steht, es wird also den persönlichen Netzwerken nachgegangen. Die Menschen sind aber niemals frontal  dargestellt, sodass die Gesichter von den Betrachtern abgewendet sind. Das Gesicht würde zu sehr ablenken, der Blick soll auf die Körperhaltung geleitet werden. Vor kurzem sah ich im MOMA New York eine Henri Cartier Bresson-Ausstellung, wo mich besonders faszinierte, wie der berühmte Fotograf  Menschen im öffentlichen Raum in Kommunikationssituationen  ablichtete und verdeutlichte, wie aussagekräftig nonverbale  Botschaften sind. Auch Ilse Lichtenberger fängt die körpersprachlichen Positionen ein, isoliert die Personen von ihrem Umfeld, wodurch es zu einer pointierten  Aussage kommt und kombiniert sie in ihren Drucken immer wieder neu.

 

 


[i] Vgl. Claude Lévi-Strauss: Das wilde Denken, Frankfurt am Main 4.Aufl. 1981, 38

[ii] Ebenda, 39

Für Ilse Lichtenberger spielen neben dem grafischen Aspekt, wie Linien, Striche, Kontraste und Flächen, Strukturen eine wichtige Rolle.
So wie  man mit Hilfe von Mikroskopen den Formenreichtum der Natur ergründen kann, sind es bei Ilse Lichtenberger oft eingezoomte Details der von Menschen erzeugten Strukturen, von geologischen Formationen und Spuren.
Als Vorlage dienen Fotos aber auch die Erinnerung an gesehenes.
Die unterschiedlichen Techniken, wie Holzschnitt, Monotypie, Malerei oder Radierungen, sowie der Einsatz von Farbe stellen für die Künstlerin unterschiedliche Möglichkeiten des Ausdrucks dar.
Auch hier finden sich in der Arbeitsweise Parallelen zum inhaltlich dargestellten – so kann die Verletzung der Holzplatte eines Holzschnittes und der Abdruck, der sich dadurch ergebenden Struktur mit den Spuren der Zivilisation in der Natur verglichen werden.
In den jüngeren Arbeiten setzt sich  Ilse Lichtenberger  mit dem aktuellen Thema „Mensch als Bestandteil von produktiven Arbeits-und Denkprozessen und Vernetzung“ auseinander.
Der Mensch, gestärkt durch das Kollektiv und trotzdem oft funktionalisierter Einzelkämpfer, ein Individuum, das in gesellschaftlichen Strukturen funktionieren muss und trotzdem hin-und hergerissen zwischen Rationalität und Emotion, das innere und äußere Gleichgewicht sucht.

Ilse Lichtenberger´s Radierungen und Monotypien entwickeln eine visuelle Sprache zwischen Abbild (Außen) und Nachbild(Innen). Wahrgenommenes und Verinnerlichtes transportieren ihre Figurationen gleich einem Tanz der grafischen Mittel, die sie anwendet, der Ausdruck spinnt sich in ein Netzwerk aus Strich und Fläche und erobert so einen Raum voll Vieldeutigkeit und Phantastik